6 Kilometer zwischen Versorgung und Überleben in Accra
- brittaklueber
- 5. Apr.
- 5 Min. Lesezeit
– und was Apotheke wirklich leisten kann

Nur 6 Kilometer.
Mehr Abstand liegt nicht zwischen den beiden Apotheken, die ich in Ghana besucht habe. Und doch trennen sie Welten.
Diese Reise war für mich mehr als ein Perspektivwechsel. Sie war Teil unseres Engagements in Chorkor im Rahmen von #1KindProApotheke. Ein Projekt, das genau dort ansetzt, wo Versorgung nicht selbstverständlich ist.
Vor Ort habe ich Gespräche geführt. In Accra, der Hauptstadt, mit einem Apotheker und in Chorkor mit einer Mitarbeiterin aus der Apotheke, einer sogenannten MTC (Medicine Counter Assistant).Das bedeutet: Sie gehört zum technischen Gesundheitspersonal und arbeitet direkt am Counter. Sie gibt vor allem nicht verschreibungspflichtige Medikamente ab und ist häufig die erste Ansprechpartnerin für Patienten, hat jedoch keine vollständige pharmazeutische Ausbildung wie ein Apotheker.
Gerade dieser Unterschied macht die Situation vor Ort noch einmal besonders greifbar.
Was dabei entscheidend ist: Die Lage der Apotheken bestimmt maßgeblich, wer überhaupt vor dem HV-Tisch steht.
Accra ist eine große, vergleichsweise entwickelte Stadt. Die Apotheke dort betreut viele Patienten mit stabileren Lebensverhältnissen.
Chorkor hingegen ist ein sehr armer Stadtteil. Die Menschen dort leben unter deutlich schwierigeren Bedingungen und genau das spiegelt sich im „Apothekenalltag“ wider.
Hinzu kommt ein entscheidender Faktor: In Chorkor gibt es kaum bis gar keine niedergelassenen Ärzte. Der Weg führt für die meisten Menschen deshalb zuerst in die Apotheke. Der nächste mögliche Schritt wäre direkt das Krankenhaus, was jedoch für viele mit noch größeren und oft nicht tragbaren Kosten verbunden ist.
Die Apotheke fängt genau diese Lücke auf.
Apotheke als Schnittstelle oder erste Anlaufstelle
Im Gespräch mit dem Apotheker in Accra wurde schnell deutlich, wie klar die Rolle der Apotheke definiert ist. Sie verbindet Arzt und Patient, prüft Rezepte, gibt Medikamente ab und berät intensiv. Gerade weil Ärzte oft wenig Zeit haben, übernimmt die Apotheke eine wichtige ergänzende Funktion.
Dabei arbeitet die Apotheke mit einem differenzierten Team aus verschiedenen Fachkräften. Neben dem Apotheker sind pharmazeutisch-technische Assistenten, medizinische Hilfskräfte und Verwaltungspersonal im Einsatz. Diese klare Aufgabenverteilung sorgt für strukturierte Abläufe und ermöglicht eine intensive und gleichzeitig effiziente Patientenbetreuung.
Was mich zusätzlich überrascht hat: Die Apotheke selbst unterschied sich optisch kaum von dem, was wir aus Deutschland kennen. Sie war hell, sauber, gut organisiert und die Regale waren voll. Viele Medikamente waren identisch oder zumindest sehr vergleichbar mit unserem Sortiment.
Auch die Lieferfähigkeit war sehr gut. Durch mehrere Standorte und funktionierende Strukturen sind Medikamente in der Regel schnell verfügbar und Engpässe eher die Ausnahme. Okay, das ist in Deutschland anders…
Das zeigt, wie hoch das fachliche und strukturelle Niveau dort ist, auch wenn die Herausforderungen an anderer Stelle liegen.
In Chorkor habe ich eine ganz andere Realität kennengelernt. Die MTC erzählte mir, dass der Weg für die meisten Menschen immer zuerst in die Apotheke führt.

Ein Arzt ist kaum verfügbar. Der nächste Schritt wäre das Krankenhaus, was jedoch für viele finanziell kaum bis gar nicht machbar ist.
Die Apotheke wird dadurch zur ersten und oft entscheidenden Anlaufstelle. Hier wird eingeschätzt, beraten und häufig direkt geholfen. Erst wenn es wirklich notwendig ist, erfolgt eine Weiterleitung ins Krankenhaus.
Gerade vor dem Hintergrund der fehlenden ärztlichen Versorgung und der hohen finanziellen Hürden wird deutlich, wie zentral diese Rolle ist.
Teamstruktur und Fachkräftesituation
Ein Punkt hat mich im Gespräch in Accra besonders überrascht: Fachkräftemangel ist dort kein Thema.
Der Apotheker berichtete, dass es viele gut ausgebildete Fachkräfte gibt und ausreichend Personal zur Verfügung steht. Das hängt auch mit der immer weiter steigenden Zahl der Ausbildungsstätten zusammen. Apotheker absolvieren ein sechsjähriges Studium und sind darüber hinaus verpflichtet, jedes Jahr (!) regelmäßig Fortbildungen nachzuweisen.
Dieser hohe Ausbildungsstandard sorgt für ein durchgehend hohes fachliches Niveau im Berufsalltag.
Wenn ich das mit Deutschland vergleiche, wird ein Unterschied deutlich: Hier gibt es zwar ebenfalls sehr gut ausgebildete Fachkräfte, Fortbildungen sind zwar auch hier Pflicht, ein Nachweis darüber jedoch freiwillig, zum Beispiel über das „Freiwillige Fortbildungszertifikat der Apothekerkammer“ im Drei-Jahres-Rhythmus.
Für Apotheken bedeutet das: Teams können größer aufgebaut werden, Aufgaben lassen sich besser verteilen und Prozesse stabiler gestalten.
In Chorkor zeigt sich ein anderes Bild. Das Team ist sehr klein 1Apotheker, 2 MTC), die Belastung hoch und die Abhängigkeit voneinander entsprechend groß. Mitarbeitende wie die MTC übernehmen dabei eine besonders wichtige Rolle im direkten Patientenkontakt.
Hier wird deutlich, wie stark Standort und Umfeld auch die Personalsituation beeinflussen.
Abhängigkeit von einer Schlüsselperson
Ein Thema hat mich im Interview in Chorkor besonders beschäftigt. Was passiert, wenn der Apotheker nicht vor Ort ist?
Die Antwort war klar. Es kommt zu Verzögerungen, vor allem bei fachlichen Rückfragen zu Medikamenten. Entscheidungen können nicht sofort getroffen werden.
In einem Umfeld ohne ärztliche Alternativen und mit hohen finanziellen Hürden bekommt diese Abhängigkeit noch einmal eine ganz andere Tragweite.
Für mich ist das ein wichtiger Impuls für jede Apotheke: Wissen und Verantwortung sollten immer im Team verankert sein.
Unterschiedliche Krankheitsbilder
Ein Punkt hat sich in beiden Gesprächen besonders deutlich gezeigt: Die Gründe, warum Menschen in die Apotheke kommen, könnten kaum unterschiedlicher sein.
In Accra berichtete der Apotheker vor allem von chronischen Erkrankungen. Diabetes, Bluthochdruck oder Mangelerscheinungen gehören dort zum Alltag. Das sind typische Themen einer Wohlstandsgesellschaft – Tendenz steigend. Es geht viel um langfristige Therapie, Begleitung und Lebensstil.
Ganz anders in Chorkor. Die MTC schilderte mir, dass viele Patienten mit akuten und infektiösen Erkrankungen kommen. Malaria, Gonorrhoe (eine sexuell übertragbare Infektion auch „Tripper“ genannt), Magenprobleme, starke Schmerzen oder Migräne prägen den Alltag.
Hier geht es oft nicht um langfristige Optimierung der Gesundheit, sondern um unmittelbare Sofort-Hilfe.
Für mich wurde in diesem Moment ein Unterschied sehr klar:
In Accra sprechen wir häufig über Erkrankungen, die mit Lebensstil und Wohlstand zusammenhängen.
In Chorkor geht es in vielen Fällen um Krankheiten, die direkt mit den unfassbar schlechten Lebensbedingungen verknüpft sind und teilweise das tägliche Überleben betreffen.
Das verändert die gesamte Rolle der Apotheke. Beratung bekommt eine andere Dringlichkeit, Entscheidungen eine andere Tragweite.
Verfügbarkeit und Bezahlbarkeit
Der Apotheker in Accra berichtete, dass Medikamente in der Regel verfügbar sind. Die größere Herausforderung liegt darin, dass viele Menschen sie sich nicht leisten können. Günstigere Alternativen spielen daher eine wichtige Rolle.
In Chorkor zeigte sich ein anderes Bild. Die MTC sprach von Engpässen bei wichtigen Medikamenten wie Antibiotika oder flüssigen Zubereitungen. Gleichzeitig sind die finanziellen Möglichkeiten der Patienten oft extrem begrenzt.
Das bedeutet für das Team vor Ort: Es geht nicht nur darum, das richtige Medikament zu kennen, sondern überhaupt eine bezahlbare und verfügbare Lösung zu finden.
Zugang zur Versorgung
Besonders beeindruckt hat mich die Haltung in Chorkor. Es wird alles versucht, um jedem Patienten zu helfen. Es werden günstigere Alternativen gesucht und individuelle Lösungen gefunden.
Gerade in einem so armen Umfeld bekommt Kundenorientierung eine ganz andere Bedeutung. Es geht hier nicht um Service, sondern um echte Versorgung unter massivem Kostendruck.
Mein Fazit
6 Kilometer können den Unterschied machen zwischen Versorgung und Überleben.
Und genau darin zeigt sich, was Apotheke wirklich leisten kann.
In Accra geht es darum, Gesundheit langfristig zu begleiten, Therapien zu optimieren und Patienten sicher durch chronische Erkrankungen zu führen.
In Chorkor geht es oft darum, überhaupt erst eine medizinische Versorgung möglich zu machen. Schnell zu handeln, pragmatische Lösungen zu finden und Verantwortung zu übernehmen, wo es sonst niemand tut.
Beides ist Apotheke.Nur unter völlig unterschiedlichen Bedingungen.
Für mich wird dadurch eines klar:
Die Rolle der Apotheke definiert sich nicht durch das System, sondern durch die Menschen, die vor uns stehen.
Und genau darin liegt unsere größte Stärke und gleichzeitig unsere größte Verantwortung.




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